Weltreise | Bolivien - Bunte Farben und neue Gerüche | Reisen Team Pajarito

nichtswieweg... vier Abenteurer unterwegs

Bolivien - Bunte Farben und neue Gerüche
Reisebericht vom 18.03. - 26.03.2006, Bolivien
Highlights: San Pedro de Atacama, Laguna Verde, Laguna Colorada, Uyuni, Potosi

Martin schreibt:

Heute stehen wir, gegen unsere Natur, einmal richtig früh auf. Bolivien steht auf dem Tagesprogramm und wir machen uns auf in Richtung Andenkordillere. Vor uns liegt ein steiler Aufstieg auf 4500 Meter und unser V8 röhrt wieder einmal 23 Liter kostbarstes chilenisches Super Benzin durch seine Zylinder. Einige Zeit später erreichen wir den bolivianischen Grenzposten. Sieht alles ein wenig heruntergekommen aus, denken wir  und treten in das Häuschen ein. Der Zöllner heisst uns willkommen und erklärt uns die ganze Grenzprozedere. Der Zoll für das Auto liegt etwas weiter oben, ca. 80 Kilometer von hier, heisst es. Der bolivianische Stempel kostet 15 Bolivianos, Geld gewechselt wird nur in Dollar. Gut haben wir unsere Dollarreserve da, und 10 Minuten später befinden wir uns in einem neuen Land.

Hmm… nun sind wir da. Ein grosser Unterschied zu Chile können wir nicht feststellen… doch inmitten des Gedankens fängt unser Auto an zu vibrieren, die Tellerchen in der Küche beginnen zu tanzen und wir werden richtig durch geshaked. Ah ja, richtig, die Strassen sind tatsächlich nicht so der Hammer. Wir vibrieren uns vorwärts und erreichen zwanzig Minuten später die Laguna Verde. Beim Aussteigen kontrolliere ich alle lebensnotwendigen Schrauben und Muttern, ob sie auch noch alle da sind.

Vor uns liegt ein smaragdgrüner See, inmitten einer eindrücklichen Berglandschaft. Am Ufer tummeln sich Hunderte von Andenflamingos, die auf der Suche nach Nahrung, immer wieder ihre Köpfe in das künstlich grün schimmernde Lagunenwasser tauchen. Wir sind zutiefst beeindruckt, so unberührt wirkt dieser Ort auf uns. Angeblich soll das Wasser der Lagune, vor der direkten Einstrahlung des Sonnenlichtes kristallklar sein. Erst durch einen bestimmten Einstrahlungswinkel reagiert das im See befindliche pflanzliche Plankton mit dem hohen Blei-, Kalzium- und Schwefelgehalt, grün.

Die Lagune selbst ist zweigeteilt und durch ihre Mitte führt ein Weg. Wir fahren dem Weg nach und müssen auf der anderen Seite feststellen, dass sich aus einem Weg, hunderte kleine Wege in alle Himmelsrichtungen auftun. Welcher ist nun der Richtige? Wir verlassen uns auf unsere geplante Route im GPS und fahren nordwärts direkt auf einen Berg zu. Eine Ewigkeit später erreichen wir die Spitze des Berges und müssen mit Entsetzen feststellen, dass auf der anderen Seite kein Weg hinab führt. Alles für die Katz? Wir befinden uns schon fast auf 5000 Metern Höhe und haben wichtige Zeit und ebenso viel Benzin vergeudet. Das bringt alles nichts, sagen wir uns, und fahren zurück zum Ausgangspunkt an der Laguna Verde. Unten am See wählen wir diesmal einen etwas mehr befahrenen Weg und krabbeln vor, in eine andere Himmelsrichtung. Inmitten unserer Diskussion, in welche Richtung wir fahren sollen, kommt uns ein Toyota Landcruiser entgegen. Der Fahrer, ein Indígena, erklärt uns, dass er in einer Viertelstunde wieder an diese Stelle zurückkommen würde und wir ihm dann folgen können. Andrea und ich sind erleichtert, denn in dieser Höhe können wir unser Notebook mit all den russischen Karten nicht benutzen und haben somit auch keine Orientierung.

Als der japanische Geländewagen zurückkehrt, nehmen wir unmittelbar die Verfolgung auf und finden somit auf den richtigen Weg. Der Touristen Guide ist ziemlich schnell unterwegs und wir haben richtig Mühe, mit unserem Pajarito folgen zu können. Unser Vergasermotor ist nicht auf diese Höhe eingestellt und wir haben anstatt 113 PS gerade mal zwei Drittel Leistung. Die Spur führt vorbei an schroffen Felsen und menschenleeren Gegenden. Irgendwann biegt er links ab und wir folgen ihm natürlich. Von Weitem kann man Dampf über dem Boden erkennen, und wir stellen mit Freude fest, dass wir die Geysire Sol de Mañana erreicht haben. Kochende, blubbernde Lavaschlammlöcher und emporsteigender Wasserdampf machen diesen Ort in einer Höhe von 4850 Metern zu einem einzigartigen Erlebnis.

Von der eisigen Kälte tiefgekühlt machen wir uns wieder in unser Auto und fahren nun zum Zoll, der noch weiter oben liegen soll. Wir fragen uns wirklich, wieso die Bolivianer diesen Zoll unbedingt auf knapp 5100 Metern errichten mussten und hüsteln das Bergsträsschen hoch. Der Weg wird gesäumt von Lastwagenreifen und schon kurz vor dem Zollgebäude kommt uns auch tatsächlich ein LKW entgegen. Wir begreifen die Welt nicht mehr, wie in Herrgotts Namen konnte dieses riesige Gefährt über diese elenden Pfade den Berg hochkommen? Mit vielen unbeantworteten Fragen treten wir in die Höhenanlage ein und machen die Papiere für Pajarito klar. Der Beamte erklärt uns, dass sie hier oben die Erdwärme für das Heizen der Häuser nutzen und nun verstehen wir auch, wieso der Zoll gerade hier sein musste.

Wir erledigen die Zollpapiere und fragen den Zöllner nach seinem Personalausweis, damit wir später Richtige von Falschen unterscheiden können. Leider ist Bolivien nicht ganz ungefährlich, und es hat sich in letzter Zeit auch oft zugetragen, dass Touristen von angeblichen Polizisten entführt und beraubt worden sind. Jetzt haben wir all unsere Dokumente und sind nun offiziell in Bolivien angekommen.

Unser nächstes Ziel befindet sich nur 20 Kilometer von dem jetzigen Ort. An der Laguna Colorada wollen wir die Nacht verbringen. Der Pfad wird langsam zum Weg, und der Weg entpuppt sich bald als kleine Strasse. Die Gegend wird immer flacher und wir ahnen bereits, dass sich direkt vor uns die Lagune befindet. Wir verlassen die Strasse und befinden uns in einer Art Wüste aus dunkelgrauem, grobkörnigem Sand. Das Fahren neben der Strasse stellt sich als wesentlich komfortabler heraus, und wir können wieder einmal richtig Gas geben. Wir fahren 50, es fühlt sich aber an wie 200, natürlich alles relativ. Vor uns liegt die riesige Lagune und wir steuern geradewegs auf den See zu. Als wir näher kommen, erkennen wir, dass das Wasser rötlich gefärbt ist und an dem Ufer sich grüne und gelbe Moose befinden. Mit dem grau, blauen Himmel im Hintergrund ergibt sich tatsächlich eine Farbenpracht die dieser Lagune zu recht den Namen Colorada (farbig) gibt.

An der Küste schlagen wir unser Nachtlager auf und beobachten die Andenflamingos, die kurz vor Dämmerung immer noch nach Essbarem suchen. Als die Nacht einbricht, beginnt es zu schneien und wir machen es uns in dem Innenraum Pajaritos gemütlich. Weit und breit keine Menschenseele. Vor uns die Lagune, hinter uns kilometerweite Wüste und dazwischen – wir.


Andrea schreibt:

Die Nacht ist ziemlich kühl, doch gut eingepackt in unsere Schlafsäcke macht uns nur die Höhe noch ein wenig zu schaffen. Als der Morgen anbricht, schälen wir uns aus unserem Schlafkokon und machen uns auf die Suche nach dem richtigen Weg. Was hier mal wieder nicht ganz einfach ist. Doch das gestrige Glück bleibt uns erhalten, und auf einer Anhöhe treffen wir Sebastian und Martin, zwei Bolivianer, die zusammen mit ihren Señoras Touristentrips in ihren Landcruisern organisieren.

Schnell kommen wir ins Gespräch mit den Einheimischen, wundern und freuen uns über ihre aufgeschlossene, natürliche Art. Sie bieten uns an, sie zu begleiten, denn unsere geplante Route wäre anscheinend zu gefährlich, da der Salar de Chiguana überflutet ist. Schilder gibt es sowieso keine, Wege aber zu Hunderten. Verirren wäre da ein leichtes Spiel. Wir sagen natürlich gerne zu und heften uns an ihre Fersen. Die beiden rasen ganz schön über die Schneisen und nach einer Weile, erkennen wir unseren Führer nur noch an einer kleinen Staubwolke, weit entfernt am Horizont. An uns ziehen unglaubliche Landschaften vorbei. Wir suchen uns meist eine eigene Spur durch die manchmal sandige, dann wieder steinige Ebene, denn die gut sichtbaren Fährten sind meistens Wellblech der übelsten Sorte. Umringt von Vulkanen erreichen wir eine wüstenartige Hochebene unterbrochen von skulpturartigen Felsblöcken aus vulkanischem Gestein. Alles ist noch so unberührt und wild. Wir sind tief beeindruckt. Zu unserem Glück bleibt Martin, der zweite Fahrer mit seiner Turigruppe etwas zurück, dass Sebastian sein Tempo auch ein wenig reduzieren muss. So haben wir wieder die Möglichkeit, aufzuholen und ein wenig zu geniessen.

Die Strecke führt uns weiter, einer dicken grauen Wolkendecke entgegen. Die Temperatur nimmt innert Minuten so stark ab, und wir befinden uns plötzlich in einem Schneesturm. Spätestens jetzt sind wir froh, uns an die beiden Landcruiser geheftet zu haben, denn schon nach zwei Minuten ist keine der Spuren mehr sichtbar, überdeckt vom Schneegestöber.

In der Nähe einer kleinen Lagune machen wir Halt und kochen uns etwas zu Essen. Die Fahrt ist ganz schön anstrengend für Martin, eben ein spannendes Offroaderlebnis. Nach der Mittagspause scheint der Weg eindeutiger zu verlaufen. Die vielen Spuren, die wie eine geometrische Zeichnung in die Erde gemeisselt wurden, haben sich jetzt zu einer einzigen Strasse geeint. Wir folgen ihr und stocken, als der Weg in ein tiefes, schwarzes Flussbeet endet. Jetzt nur immer rein in das Gemüse, die Toyos vor uns haben’s ja auch geschafft. Beherzt gibt Martin Gas, das Wasser läuft über die Motorhaube, wir spüren das Blubbern und Saugen, den Wunsch des Wassers, unseren Innenausbau zu besudeln, und nach fünf ewig dauernden Sekunden sind wir durch. Beide atmen auf, dass das Ganze nicht in einer Blamage geendet hat. Denn die Toyo-Land-Rover-Witzchen sind auch in Bolivien bekannt…

Die Strasse wird immer schlechter, wir fahren höchstens 30 Stundenkilometer. Nach einer halben Ewigkeit erreichen wir endlich eine halbwegs annehmbare Route, die uns direkt nach Uyuni führen soll, die einzige grössere Stadt in der Umgebung. In einem kleinen Dörfchen vor Uyuni verabschieden wir uns von unseren Führern und bedanken uns mit einem kleinen Geschenk. Sie freuen sich sehr und laden uns ein, am nächsten Tag den Salar de Uyuni mit ihnen zu befahren, falls er befahrbar sein sollte, denn in den letzten Tagen hat es immer wieder geregnet.

Uyuni erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang und entschliessen uns deshalb, erst am nächsten Tag die Stadt zu erkunden. So finden wir etwas ausserhalb der Stadt einen sicheren Platz zum Übernachten.

Am nächsten Tag tauchen wir das erste Mal in den bolivianischen Alltag ein. Neue Farben und Gerüche begleiten uns durch die Strassen. Die Frauen tragen kunstvoll bestickte, samtene Röcke und lange Zöpfe, aus ein Leben lang wachsen gelassenen Haaren. Wir besuchen den Markt, kaufen frische Früchte und Gemüse ein. Für einen Einkauf braucht man hier glatt viermal so lange, nichts kann man einfach aus einem Gestell nehmen und in seinen Einkaufswagen legen. Martin wartet eine ganze Stunde auf der Bank, um an Geld zu kommen. An diese neue Lebensweise müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Doch uns gefällt die fleissige Art der Menschen in diesem Dorf. Sie leben zwar in Armut, nicht aber im Dreck.  In einer Garküche essen wir für 30 Rappen zu Mittag und sind überrascht, wie gut es schmeckt.

Da es in den letzten Tagen heftig geregnet hat, ist der Salar de Uyuni unpassierbar. Die 160 Kilometer lange und 135 Kilometer breite Salzpfanne ist regelrecht überflutet und das Wasser wird noch für Wochen unverändert in der Ebene liegen bleiben. Wir entscheiden uns etwas enttäuscht, den Salar etwas später zu besuchen, wenn wir noch einmal hier vorbei kommen.

Die Strecke, die vor uns liegt ist in einem schlechten Zustand. Der Regen hat die Fahrbahn in eine schmierseifige, schlammige Rutschbahn verwandelt, und wir sind froh, uns für MUD Terrain Reifen entschieden zu haben. Wir fahren durch ein schönes Andenhochtal, vorbei an unzähligen Lamas.

Die Nacht verbingen wir am Strassenrand, denn vor uns liegt Potosí, ein geschichtsträchtiger Ort, den wir nicht noch kurz vor Sonnenuntergang erreichen wollen. Am Morgen gabeln wir auf der Strasse einen bolivianischen Schuljungen auf, der anscheinend den Wecker verpasst hat, und schon viel zu spät für die Schule ist. Überhaupt könnte man hier in Bolivien ständig jemanden mitnehmen. Doch wir sind froh, ab und an eine Strecke ohne Besuch fahren zu können und lassen auch schon ein paar Leute am Strassenrand stehen, in der Hoffnung, ein einsamer Lastwagenfahrer hat ein gutes Herz.

Martin schreibt:

Nur wenige Kilometer vor uns liegt die höchstgelegene Grossstadt der Welt, Potosí. Direkt hinter der Stadt ragt der 4829 Meter hohe Bergkegel, der von den Spaniern im 16. Jahrhundert auf den treffenden Namen Cerro Rico de Potosí (Reicher Berg von Potosí) getauft wurde, auf. Die Stadt verdankt ihr Dasein dem hohen Silber- und Zinngehalt des Berges. Seit 1545 wird in den Minen des Berges ununterbrochen gearbeitet und um 1650 war Potosi nach London die zweitgrösste Stadt der Welt. Diese Tatsachen machen einen Besuch der Stadt lohnenswert, und wir haben uns deshalb auch vorgenommen, eine der vielen Silberminen zu besuchen.

Als wir in die Stadt hineinfahren, fallen uns die vielen schönen Kirchen und Kathedralen auf, die das Stadtbild zieren. Durch enge Gassen und mit Kopfsteinpflaster geschmückte Strassen schlängeln wir uns durch diesen ehrwürdigen Ort. Überall laufen einem Menschen entgegen, und schon bald merken wir, dass es in Bolivien ratsam ist, eine funktionierende Hupe zu haben. Es wird gehupt, gedrängelt, alle laufen kreuz und quer über die Strassen und wir können keinen einzigen Strassenamen ausfindig machen. Als uns eine Polizistin auf unsere Frage, ob es hier irgendwo ein Parkhaus gäbe, antwortet: „Das findet ihr in ganz Bolivien nicht“, fangen wir an zu zweifeln, ob wir hier überhaupt bleiben können. Andrea steigt aus und macht sich zu Fuss auf, in der Nachbarschaft herum zu fragen, ob uns jemand beherbergen könnte. Nach zwei Stunden Türklinken polieren und freundlichem Fragen haben wir es nun endlich geschafft. Ein Ehepaar, beide um die 70 Jahre alt, lassen uns in ihrem Patio (Innenhof) parkieren. „Aber übernachten könnt ihr hier nicht“, sagt die alte Dame und kann uns die Enttäuschung im Gesicht ansehen. Wir sollen in ein Hotel gehen, meint sie, darauf wir aber erwidern, dass wir immer im Auto schlafen. „Nicht alle Touristen haben viel Geld“, meint der alte Mann und versucht seine Frau weich zu klopfen. Doch sie bleibt stur. Wir lassen das Auto tagsüber mal hier und kehren so gegen acht Uhr abends zurück. Sie könne es sich natürlich überlegen… ansonsten werden wir irgendwo in einer Gasse unser Lager aufschlagen.

Wir lassen die beiden miteinander diskutieren, das kann natürlich ein Weilchen dauern, und machen uns währenddessen schon mal auf, die Stadt zu besichtigen. Die Gassen sind voll von Menschen und uns kreuzt eine 40 Mann starke Militäreinheit, alle singend und bis auf die Zähne bewaffnet, die im Gleichschritt durch die Menge marschiert. Das Durchschnittsalter der Soldaten würden wir auf 16 schätzen, sie sehen noch aus wie Kinder. Ein paar Strassen weiter entdecken wir eine Gasse mit Marktständen und tauchen in die bolivianische Marktwelt ein. Die Stände sind bunt und verhökert wird alles, was der normale oder weniger normale Mensch zum Leben braucht. Farbige Stoffe, Kleidung aus Lama Wolle, selbst gestrickte Socken die von der Länge her eher uns bekannten Strumpfhosen gleichen, aber auch Modernes wie Taschenrechner und Wecker werden zum Verkauf angeboten. Aus den Garküchen steigen uns sonderbare Gerüche in die Nase, und in uns steigt das Hungergefühl. Auf das verlockende Mittagsangebot, dreigängig, für gerade mal 1.50 (CHF) pro Kopf,  wollen wir nicht verzichten und lassen uns von der landestypischen Küche überraschen.  Serviert wird eine Maissuppe mit Kartoffeln, Bohnen und Fleischklümpchen. Das Hauptgericht besteht aus Reis, Hühnchen oder Teigwaren mit Kartoffeln und Hackfleisch, alles an pikanter Sosse. Wir sind begeistert und schnabulieren alles bis auf den letzten Krümel.

Als es dunkel wird, fängt es zugleich an zu regnen, und in den steilen Strassen sammelt sich das Wasser und bildet so überall kleine, reissende Bäche. Wir kehren zum Ehepaar zurück und stellen mit Freude fest, dass wir doch dort übernachten dürfen. Die alte Dame will uns doch nicht allein in einer Gasse übernachten lassen. Anscheinend steckt in ihr doch noch ein weiches Herz, und wir sind froh, der Kälte entfliehen zu können, indem wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen. Auf über 4000 Metern wird’s Nachts doch noch ziemlich kühl…

Nach einer kalten und frostigen Nacht machen wir uns um acht Uhr morgens zu den Silberminen auf. Im Reiseführer stehen einige Adressen von Agenturen oder ehemaligen Bergarbeitern, die für Touristen Führungen durch die Minen machen. Die Prospekte, die wir uns angesehen haben, haben es uns nicht sonderlich angetan, zu wenig authentisch sah das Ganze aus.

Wir fahren alleine los und folgen den Stadtbussen, die die Minenarbeiter auf den Cerro Rico fahren. Die Strasse auf den Berg ist steil, und es handelt sich eher um einen von Löchern und Abhängen eingeengten Weg, der in den Berg gemeisselt wurde. Auf halber Höhe kommen wir zu den Minengebäuden, von Touristen und Führern weit und breit keine Spur. Tausende Männer und Jugendliche werden von Lastwagen zu den einzelnen Minen- oder Stolleneingängen gefahren, über 5000 sollen es angeblich sein. Wir fühlen uns völlig deplatziert. Zwei kleine Schweizer inmitten dieser tausenden von Menschen, die sich tagtäglich 12 Stunden in den Höhlen dieses imposanten Berges fast zu Tode schuften. Von einem einzigen grossen Gebäude mit einem Informationsschalter keine Spur. Es scheint, als regiert hier das nackte Chaos. Wir versuchen, mit einigen Minenarbeitern in Kontakt zu kommen, doch scheinen die sich für Touristen nicht sonderlich zu interessieren. Untereinander sprechen sie Quechua, ein Grund mehr wieso wir uns fehl am Platz fühlen.

Wenn wir hier keinen Führer finden, möchten wir uns wenigstens den ganzen Berg ansehen. Wir fahren die Strasse weiter hoch, werden hie und da von Lastwagen in die Enge getrieben und erreichen nach einiger Zeit einen weiteren Mineneingang. Die Leute da schmunzeln über unsere Frage nach einer Führung und meinen, wir hätten doch lieber so eine Tour unten in der Stadt buchen sollen. Hier seien nur Trabajadores (Arbeiter). Enttäuscht machen wir uns auf den Rückweg. Ein Junge, gerade mal 17, macht uns das verlockende Angebot, uns durch die Minen zu führen. Er kenne sich hier gut aus, sei früher auch in den Minen am Arbeiten gewesen. Wir glauben ihm das aufs Wort, denn viele Jungen beginnen hier mit 10 Jahren zu arbeiten. Eine Viertelstunde später stehen wir mit Helm und Lampe ausgerüstet vor einem anderthalb Meter hohen Stolleneingang. Ein kleines Mädchen, vielleicht so um die 9 Jahre alt, passt auf unser Auto auf und regelt den improvisierten Kiosk, wo Mineralien verkauft werden.

Der Junge führt uns in den Stollen, vorbei an 60 Meter tiefen Löchern, die für die Luftzirkulation durch den Berg gemeisselt wurden. Er erklärt uns die unterschiedlichen Mineralien wie Silber, Blei und Zinn und führt uns zu dem Ort, wo die Männer am arbeiten sind. Mit primitivsten Werkzeugen heben die Männer 60 Kilogramm schwere Gesteinssäcke aus der Tiefe und transportieren das wertvolle Material auf Schubkarren in Eilenstempo durch die engen Stollen nach draussen. Die Mineros reden unter sich in Quechua und wir haben grossen Respekt von der Arbeit, die diese Leute tagtäglich hier verrichten. Die Geschichten, die uns erzählt werden, lassen uns nachdenklich werden. Als früher die Mineros während der Arbeit starben, wurden ihre Leichen in die Ventilationsschächte geworfen. Die Löcher dienten somit zugleich als Friedhof.

Aktuell arbeiten im ganzen Berg mehr als 4000 Männer und Jugendliche, viele Menschen hier leiden an Silikose (Staublunge) und die Lebenserwartung beträgt im Schnitt nicht mehr als 35 Jahre. Erkrankt ein Minero und ist somit unfähig weiter zu schuften, erhält er von der Minengesellschaft kein Geld und muss für sich alleine sorgen. Um im Berg arbeiten zu dürfen, muss sich jeder seine Ausrüstung selbst beschaffen, nur dann darf er in die Mine gehen.

Die Arbeiter, denen wir im Stollen begegnen, fragen uns nach Koka und Zigaretten. Wir haben am Vorabend ein paar Dinge eingekauft und beschenken die Menschen mit ein paar Genussmitteln, welche ihr hartes Leben hier ein wenig erleichtern sollen. Arbeiten in der Mine ohne Koka wäre für die Meisten unvorstellbar, zu viele Schmerzen müssten ertragen werden. Die schmerz- und hungerlindernde Wirkung der Kokablätter erkannten damals auch die Spanier und liessen die Einheimischen bis zu ihrer körperlichen Erschöpfung und häufig bis zu ihrem Tod schuften. Bis zum 18. Jahrhundert haben in diesem Berg über 8 Millionen Indígena (Einheimische) ihren Tod gefunden.

Wir verlassen die Minen und die Arbeiter, doch mit uns nehmen wir die Eindrücke und die Erkenntnis, dass das Leben nicht fair ist und wir wieder einmal feststellen müssen, zu was für einer privilegierten Klasse Mensch wir gehören. Weiter unten lädt uns unser Führer zu einem Schnäpschen ein, 96 Volumenprozent, bei uns nennen wir das Putzalkohol, heitern uns wieder auf. Wovon wir nur einen Flaschendeckel voll runterschlucken, saufen sich die Arbeiter am Wochenende halb tot.

Potosí, der Cerro Rico und die Menschen hier werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Für uns heisst es nach diesen Tagen wieder einmal ausruhen, neue Energie tanken und das Erlebte durch das Niederschreiben in Form eines Reiseberichtes zu verarbeiten. Wir finden einen ruhigen Ort an der Carretera, auf dem Weg in Richtung Sucre, und verweilen hier zwei Tage um auszuspannen.